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Umbau und energetische Sanierung eines leerstehenden Gebäudes zum KfW-55-EffizienzhausStuttgarter 50er-Jahre-Haus mit Getränkemarkt zum Mehrfamilienhaus umgebaut

Viele junge Familien in Deutschland entscheiden sich bei der Zukunftsplanung für ein Eigenheim oder eine Mietwohnung. Einen anderen Weg sind unlängst vier Familien in Stuttgart-Kaltental gegangen: Sie haben sich zusammengetan, ein leer stehendes Haus gekauft und gemeinsam mit viel Einsatz nach ihren Bedürfnissen umgebaut. Energetisch ist das Haus jetzt auf dem neuesten Stand. Eine sehr gute Dämmung, neue Fenster und dezentrale Lüftungsanlagen reduzieren den Energiebedarf. Effizient Wärme liefert eine Erdwärmepumpe, die Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt in der Summe fast so viel Strom, wie im ganzen Haus verbraucht wird. Seit einem Jahr sind nun alle Arbeiten beendet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die insgesamt 17 Personen fühlen sich pudelwohl, das Haus benötigt nur noch 55 Prozent der Primärenergie eines vergleichbaren Neubaus.Im Jahr 2010 wurde das private Wohnprojekt gegründet. „Die Findungsphase dauerte knapp drei Jahre“, berichten Ulrike Bos und Lutz Karle. "Zuerst mussten interessierte Familien und ein geeignetes Objekt gefunden werden." Da man sich nicht kannte, wechselten die Konstellationen anfangs immer wieder. 2012 war es dann soweit. Die "Nachbarschaftsgemeinschaft", kurz NaGe, aus inzwischen vier Familien erwarb ein Grundstück mit Haus im Stuttgarter Südwesten. Gefunden hatte man sich letztlich auch über den Wohnprojektetag der Stadt Stuttgart und über Kontaktanzeigen in der Zeitung.

Vorbereitung: Über 100 Skype-Konferenzen und tausende E-Mails

Bei den Arbeiten unterstützten sich die Mitglieder gegenseitig. Die Erwachsenen und Kinder lernten sich so kennen. "Man muss nicht mit Freunden bauen, man kann auch durch das Bauen zu Freunden werden", sagt Ulrike Bos. Der Weg bis zum umgebauten Haus war jedoch steinig. Die gemeinsamen Sitzungen und Entscheidungen, über 100 Skype-Konferenzen und rund 3.300 E-Mails, waren kräftezehrend und manchmal auch mühselig. Doch die "Nager" haben es geschafft.  

Das Motto: Gemeinsam ist man weniger allein

Die Anstrengung hat sich gelohnt: Aus 90 Quadratmetern Ladenfläche und 280 Quadratmetern Wohnfläche schufen die Saniererfamilien vier Wohnungen mit 115 bis 135 Quadratmetern Wohnfläche – das ergibt 150 Quadratmeter mehr als vorher. "Zu diesem Zweck haben wir Balkone nach außen versetzt und das Dach angehoben", erklärt Lutz Karle. Die Wohneigentümergemeinschaft teilt sich außerdem eine Werkstatt, den Garten, zwei Autos und einen Raum für Gemeinschaftsaktionen wie Kindergeburtstage oder Fußballschauen. „Durch das Teilen hat jeder mehr und gemeinsam sind wir weniger allein. Eigentlich sind wir eine moderne Großfamilie“, schmunzelt der 46-jährige.

Das Haus wird energetisch auf ein sehr gutes Niveau saniert; darin waren sich alle Beteiligten früh einig. Die Sanierung erfolgte im Zuge der ohnehin erforderlichen Instandsetzungsmaßnahmen und ermöglichte so für die Bauherrschaft eine wirtschaftlich attraktive Lösung. „Professionelle Hilfe kam von einer Gebäudeenergieberaterin“, sagt Petra Hegen von Zukunft Altbau, dem vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderten Informationsprogramm rund um die energetische Sanierung. „Die Beraterin zeigte auf, welche Maßnahmen für das Haus attraktiv sind.“

Dach, Fassade und Kellerdecke etwa erhielten eine 18 bis 26 Zentimeter dicke Dämmung. Die Fenster aus den 70er- oder 80er-Jahren wurden durch dreifach verglaste Wärmeschutzfenster ersetzt. Von Frühling bis Herbst können die Bewohner die Fenster ganz normal öffnen. In der kalten Jahreszeit sorgen Lüftungsanlagen in den Wohnungen für eine kontinuierliche Frischluftzufuhr. Dabei wird die Zuluft von der Wärme der Abluft fast auf Zimmertemperatur vorgewärmt. Die Wärmerückgewinnung senkt den Energiebedarf nochmals deutlich.

Die jetzt noch benötigte Energie erzeugt die Wohneigentümergemeinschaft zu einem guten Teil lokal vor Ort. Eine Solarstromanlage mit fast zehn Kilowatt installierter Leistung auf dem Dach lieferte im ersten Jahr rund 11.000 Kilowattstunden Ökostrom. Der Strom wird entweder selbst verbraucht oder in das Stromnetz eingespeist. Verrechnet man die Solarstromproduktion mit dem Haushaltsstromverbrauch der Bewohner und dem Stromverbrauch der Wärmepumpe, deckt die Solaranlage fast 100 Prozent des Bedarfs.

Auch die neue Heizung ist ein Teil des energetischen Vorzeigeprojekts: Die alte Gasheizung wurde entfernt und durch eine Erdwärmepumpe ersetzt. Die Solewärmepumpe holt Wärme aus dem Erdreich und bringt sie mit Strom auf ein höheres Temperaturniveau. „Das ist effizient und ökologisch, wenn das Haus wie in diesem Beispiel sehr gut gedämmt ist und über eine Fußbodenheizung verfügt“, erklärt Hegen. Bei dem Stuttgarter Wohnprojekt werden das Heizungswasser der Fußbodenheizung und das Brauchwasser in Küche und Bad durch die Wärmepumpe erhitzt.

Für die kommenden Monate ist noch die Anschaffung eines Solarstromspeichers geplant. Derzeit verbrauchen die Bewohner durchschnittlich rund 30 Prozent des erzeugten Solarstroms selbst – das können sie auf ihrer Smartphone-App täglich aktuell ablesen. Mit einer Lithium-Ionen-Batterie ist es möglich, den Anteil auf über 50 Prozent zu steigern. Das entlastet in den sommerlichen Mittagsstunden die lokalen Stromverteilnetze und wird angesichts der rasant fallenden Speicherpreise bald auch wirtschaftlich sein.

Es hat sich gelohnt – energetisch, finanziell und beim Wohnkomfort

Die Sanierung dauerte von 2013 bis Anfang 2015. Seit Sommer 2015 sind praktisch alle Arbeiten abgeschlossen. Bemerkt haben die Bewohner vor allem den höheren Wohnkomfort. Es gibt keine zugigen Fenster mehr. Die Wände der Wohnungen sind im Winter warm, im Sommer hält die Dämmung die Hitze fern. Die Lüftungsanlagen sorgen stets für frische Luft und transportieren die Abluft mitsamt der Luftfeuchte nach draußen. Schimmel hat keine Chance in dieser Immobilie.

Der Primärenergiebedarf sank auf nur noch 33 Kilowattstunden pro Jahr und Quadratmeter. „Unsanierte Häuser aus den 50er-Jahren haben – abhängig vom Energieträger – einen fünf- bis zehnmal so hohen Verbrauch“, schätzt Petra Hegen von Zukunft Altbau. Für jede Wohnung fallen jetzt nur noch Kosten von rund 25 Euro pro Monat für Heizung und Warmwasser an, davon zehn Euro Heizkosten. Das haben erste Messungen gezeigt. Viel weniger ist eigentlich nicht mehr möglich. Der gesamte Umbau kostete rund eine Million Euro, die rein energetischen Mehrkosten über den geforderten Standard hinaus lagen bei rund 160.000 Euro. Pro Partei sind das 40.000 Euro.

„Für uns amortisieren sich die energetischen Mehrkosten in jedem Fall“, ist sich Ulrike Bos sicher. Das liegt auch an den staatlichen Krediten und Zuschüssen, die das Projekt finanziell entlasteten. Fördergeldgeber waren die KfW, das städtische Familienbauprogramm und die baden-württembergische L-Bank. „Die L-Bank hat sich von Anfang an für uns eingesetzt“, so Bos. Die Staatsbank im Südwesten gibt eine zusätzliche Förderung an sanierungswillige Eigentümer von Immobilien in Baden-Württemberg. Das gilt auch für Wohneigentümergemeinschaften, die es bislang schwer hatten, Kredite und eine finanzielle Förderung zu bekommen. Insgesamt summierten sich die Zuschüsse auf rund 20.000 Euro pro Partei. Hinzu kamen vergünstigte Kredite von KfW und L-Bank, welche die Realisierung dieses besonderen Wohnprojekts erheblich begünstigten.

Aktuelle Informationen zur energetischen Sanierung gibt es auch kostenfrei über das Beratungstelefon von Zukunft Altbau 08000 12 33 33 oder unter www.zukunftaltbau.de.

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